Wolf im Bezirk - Segen oder Fluch?

Die Meldungen über Risse häufen sich - hier das Statement des NABU Bezirksverbandes

Warum wollen wir den Wolf hier haben?

Vor rund 200 Jahren haben unsere Vorfahren den Wolf hier ausgerottet. Der 'Spitzenprädator' wurde aus dem Ökosystem entfernt - und mit ihm wohl auch ein Regulativ, welches unsere Wildbestände beeinflusst: Er jagt, was er am schnellsten erwischt, und das sind meist alte und kranke Tiere. Dadurch wird der Wildtierbestand kräftig und gesund, da sich nur die fittesten fortpflanzen. Auch der Verbiss an jungen Pflanzen verringert sich und der Wald hat mehr Zeit sich zu erholen, da die Huftiere in Wolfsgebieten mobiler sind und wandern. Doch diese 'ökosystemaren Leistungen' sind eine typisch menschliche Sichtweise, die wir nicht allein in's Zentrum stellen möchten.

Wir erleben hier vielmehr eine Natur, die aus eigener Kraft und trotz der vielen Hindernisse, die von unserem Handeln herrühren (Zersiedelung / Zerschneidung der Landschaft) es schafft, dieses 'Manko' langsam wieder auszubügeln! Die Theorie der Metapopulationsdynamik - dass ausgelöschte Gemeinschaften von überlebenden Nachbarn wiederbesiedelt werden - wird hier 'schulbuchmäßig' umgesetzt. Und wir sind live dabei. Es ist sehr faszinierend, diesen Prozess zu beobachten!

Leider erleben wir immer häufiger genau das Gegenteil - immer mehr Tier- und Pflanzenarten verschwinden aus unserer Heimat - und hier gibt uns der Wolf ein hoffnungsvolles Beispiel was die Metapopulationstheorie bewirken kann!

Canis lupus steht zudem durch das BNatSchG deutschlandweit unter strengem Schutz.

Natürlich sehen wir auch den Konflikt mit unseren Weidetieren - sehen hier aber erste Lösungsansätze - siehe weiter unten!

 

Wie gefährlich ist der Wolf denn nun wirklich für uns?

Wir Menschen gehören nicht zum 'Nahrungsspektrum' des Wolfes. Der Wolf ist scheu und verschwindet lange, bevor wir ihn zu Gesicht bekommen. Dennoch hat er die Großmutter von Rotkäppchen gefressen und viele haben Angst vor ihm!

Im Auftrag des Norwegischen Institutes für Naturforschung wurde 2002 das gesamte Wissen über die Wolfsangriffe auf Menschen in Europa, Asien und Nordamerika der letzten Jahrhunderte zusammengetragen und analysiert - die sog. NINA-Studie. Danach ist das Risiko, vom Wolf angegriffen zu werden, sehr gering. In den letzten 50 Jahren gab es in Nordamerika keinen einzigen Fall, in Europa sind im selben Zeitraum nur 9 Fälle bekannt, fünfmal war der Angreifer mit Tollwut infiziert und zeigte dadurch ein unnormales Verhalten! Die Tollwut ist bei uns jedoch seit 2008 ausgerottet und spielt keine Rolle mehr. Dennoch wird sie ständig beobachtet - auch in unseren Nachbarländern, um bei Wiederausbruch schnell reagieren zu können.

Tiere, die den Menschen gewohnt sind (Habituierung z.B. durch Anfüttern) verhalten sich ebenfalls oft ungewöhnlich und aufdringlich - was zu Problemen führen kann.

Auch wenn sie in die Enge getrieben und provoziert werden, können die Tiere aggressiv werden. Dies sind aber immer sehr extreme und seltene Situationen.

Fazit: Von gesunden Wölfen geht nahezu keine Gefahr für uns Menschen aus. Angriffe auf Menschen sind sehr ungewöhnlich und nicht spontan, sondern erfolgen aufgrund einer ungewöhnlichen Situation (Tollwut / Habituierung / Provokation). Seit der Rückkehr des Wolfes nach Deutschland  im Jahre 2000 hat es auch keinen Fall gegeben, in dem ein Mensch von ihm angegriffen wurde.

 

Wie gefährlich ist der Wolf für unsere Weidetiere / kann man die Herden Schützen?

Schafe und Ziegen sind potentiell gefährdet, denn sie gehören zum Nahrungsspektrum des Wolfes. In den letzten 200 Jahren mussten wir unsere Weidetiere nicht gegen Prädatoren schützen, da diese Gefahr nicht vorhanden war. In dieser Zeit sind z.B. unsere Kalkmagerrasen und Wacholderheiden entstanden, die heute naturschutzfachlich sehr wertvoll sind und als 'Kulturlandschaft' unsere süddeutsche Heimat prägen. Die Weidehaltung hat unsere Heimat geprägt, wie kaum ein anderer Faktor. Dies darf durch den Wolf nicht gefährdet werden! Wir müssen daher erneut lernen, wie wir unsere Herden effektiv schützen vor den neuen Gefahren. Dazu hat der NABU gemeinsam mit dem Landesschafzuchtverband das Projekt 'Herdenschutz in der Praxis' begonnen, in dem nach Praktikablen Lösungen gesucht wird.

Optimierte Zäune oder spezielle Herdenschutzhunde könnten zukünftig eingesetzt werden, jedoch stehen wir hier am Anfang und haben noch einige Fragen zu klären.

Mobile stromführende Zäune scheinen gut zu wirken, sind jedoch mit hohem Aufwand verbunden und in unseren steinigen und steilen Schafsweiden nicht einfach aufzustellen. Die Herdenschutzhunde müssen mit ihrer neuen Aufgabe in die bestehenden Herden integriert werden und sie bedeuten ebenfalls einen höheren Aufwand für den Tierhalter. Wir sind aber optimistisch, dass wir gemeinsam -auch mit der Politik- zu praktikablen Lösungen kommen.

Der Einsatz von Lamas könnte auch eine Lösung darstellen – Berichte von erfolgreicher Wolfsabwehr dieser Tiere gibt es – Praxistests hier fehlen aber!

 

Welche Schäden richtet der Wolf bei uns an? Werden unsere friedlichen Wildtiere durch ihn dezimiert / ausgerottet?

Der größte Schaden stellt natürlich der Riss an unseren domestizierten Weidetieren dar. Im Falle eines Wolfsrisses hat der NABU mit fünf weiteren Verbänden (BUND, LNV, Stiftung Euronatur, LJV, ÖJV) einen Ausgleichsfonds gebildet, aus dem geschädigte Nutztierhalterinnen und -halter schnell und unbürokratisch einen finanziellen Ausgleich erhalten.

Der Einfluss auf unsere heimischen Wildtiere wird als gering eingeschätzt. Ein erwachsener Wolf benötigt etwa 2-3 kg Fleisch pro Tag - ein Reh z.B. reicht ihm daher ca. 5 Tage. Untersuchungen aus der Lausitz ergaben, dass ein Rudel pro Jahr 2,2 Stück Schalenwild (Reh, Hirsch, Wildschwein) pro 100 ha / Jahr reißt, was ca. 95 % der Nahrung darstellt. Hasen und Kleinsäuger bilden den Rest.

Einen Einfluss auf die Populationen der bejagten Arten wird daher als gering bis sogar stabilisierend bewertet, da die Tiere gesünder und fitter werden!

 

Wie viele Wölfe können bei uns leben?

Das Territorium eines Rudels beträgt durchschnittlich 250 km² und ist vom Nahrungsangebot abhängig. Ein Rudel besteht aus den beiden Elterntieren und dem Nachwuchs der letzten zwei Jahre - also ca. 8 - 12 Tiere. Sobald die Jungwölfe die Geschlechtsreife erlangen, wandern sie ab und verlassen das Revier. So bleibt die Anzahl der Wölfe im Territorium immer relativ konstant. Wie viele Territorien bei uns denkbar sind ist schwer zu beurteilen - es sind sicherlich einige. Denkbar sind sie im Schwarzwald, auf der Schwäbischen Alb aber auch im Donautal.

 

Wie viele Wölfe gibt es hier denn wirklich?

Bisher haben wir keine sesshaften Wölfe oder gar Rudel in Baden Württemberg. Es durchstreifen lediglich einzelne junge Rüden unser Land. Wann sich das erste Rudel bei uns bildet ist nicht vorhersehbar.

Anfang Oktober wurden bei Heilbronn drei Schafe von einem Wolf gerissen, Ende November in Bad Wildbad drei Schafe und bei Simmersfeld (Kreis Calw) ein Hirsch. Anfang Dez. nochmals ein Hirsch bei Bad-Rippoldsau (Kreis FDS) – wohl alle von einem Wolf, der aus Niedersachsen zu uns kam.

Die Risse Anfang Dezember im Kreis FDS (Sikahirsch) und bei Herrenberg Haslach (Reh) sind noch nicht eindeutig dem Wolf zugeordnet. Die Genetischen Untersuchungen laufen hier noch bei der FVA. Bei dem Riss von Herrenberg bestehen Zweifel, ob der Wolf als Verursacher infrage kommt - die Genanalyse wird den eindeutigen Beweis liefern.

Wir können heute vermuten, dass ein Wolf durch unsere Wälder streift - vielleicht ist er aber bereits weitergezogen und befindet sich bei unseren Nachbarn ...

 

Wie muss ich mich verhalten, wenn ich einem Wolf begegne?

Begegnet man einem Wolf, so hat man sehr großes Glück, denn nicht vielen Menschen ist das bisher geglückt! Man sollte dann einfach stehen bleiben und den Anblick genießen. Bei Bedarf sollte man sich 'groß machen', evtl. laut schreien oder Klatschen und sich langsam rückwärts entfernen. Der Wolf wird in aller Regel schnell verschwinden.

Findet man ein Kadaver mit deutlichem Kehlbiss und geöffnetem Bauchraum an dem erhebliche Mengen gefressen wurden und evtl. auch Knochen abgebissen wurden, so kann dies auf einen Wolfsriss hindeuten. In diesem Fall das Kadaver nicht berühren und schnell Kontakt mit der Forstlichen Versuchsanstalt in Freiburg aufnehmen.

19.12.2017, M.Pagel